In dieser Woche habe ich sehr viel über die Verkaufszahlen von Google Android und iOS gelesen. Da wird sehr viel spekuliert und gelobt. Manchen sollte man vielleicht näher bringen, dass es für Android keine große Sache ist, iOS überholt zu haben. Fast jedes neue Smartphone wird mit Google Android ausgeliefert. Apple hat seit über einem Jahr kein neues Smartphone auf den Markt gebracht. Geringere Verkaufszahlen sind da nur die logische Konsequenz. Egal. Darum geht es mir heute gar nicht. Viel interessanter ist doch die Frage, warum es jetzt schon seit geraumer Zeit Tablets mit Google Android gibt, die rein von der Hardware her wirklich hervorragend sind, die aber dennoch wie Blei in den Regalen der Händler liegen. Liegt es am Marketing? Liegt es an Google Android? Oder liegt es vielleicht an den Kunden?
Eines der ersten Tablets mit der Tablet-Version von Google Android (Honeycomb), das ich testen konnte, war das Motorola Xoom. Das Samsung Galaxy Tab 10.1v war dann mein erstes richtiges Highlight: dünn, leicht, schnell. Man muss an dieser Stelle erst gar nicht über Konzerne sprechen, die andere Konzerne verklagen, die dann ihre erstklassigen Tablets nicht auf den Markt bringen dürfen. Damit haben die schlechten Verkaufszahlen nämlich überhaupt nichts zu tun. Ich habe in den vergangenen Wochen mit mehreren Leuten über das Thema Android-Tablets gesprochen. Dabei wurde eines klar: es ist nicht nur ein Faktor sondern gleich mehrere, die potentielle Käufer darin hindern, bei Android-Tablets zuzuschlagen.

If you don’t have an iPad…
Es soll Menschen geben, die kaufen neue Produkte nicht weil sie sie brauchen, sondern weil sie von einer bestimmten Marke sind. Das ist in jedem Produktbereich so, nicht nur bei Technik. Apple hat es geschafft, einen solchen Markenhype zu kreieren. Hat man ein Apple-Produkt zuhause, möchte man auch das neue iPhone und das neue iPad und den neuen iPod touch. Manche nutzen die Devices dann auch tatsächlich, andere haben ein iPhone und weder eine Internet-Flatrate noch das Wissen, was eine App ist. Diesen Leuten geht es nur um Apple und das damit verbundene, subjektive Gefühl des Dazugehörens. Die Produktklasse und der Nutzen spielen keine Rolle. Von daher würde aus dieser Gruppe auch niemand darüber nachdenken, ein Android-Tablet zu kaufen. If you don’t have an iPad, you don’t have one.
Google Android: ein Betriebssystem in der Entwicklung
Manch ein Android-Fan wird jetzt bestimmt gleich widersprechen, aber für mich persönlich und auch die Leute mit denen ich gesprochen habe, steckt Google Android als Betriebssystem für Tablets noch in den Babyschuhen. Es gibt sehr gute Ansätze, aber es muss noch sehr viel geschehen. In meinen Augen bezeichnend: noch nicht einmal ein eigener Bereich für Honeycomb-optimierte Anwendungen existiert im Android Market. Ohnehin gibt es kaum Anwendungen für Android-Tablets und wie eine für ein 3,7 Zoll Smartphone gestaltete App auf 10 Zoll aussieht, muss ich keinem erklären. Für Kunden, die einfach nur Spaß mit ihrem Tablet haben wollen, keine Option.
Google Android und die Updates
Wer ein Smartphone mit Google Android hat, der weiß, dass das Schlimmste an Google Android die Updates sind. Wer kein Nexus-Modell hat, das die Updates direkt von Google bekommt, muss auf Updates oft monatelang warten – oder es gibt gar keine Updates. Dieser Zustand sorgt zunehmend für Unzufriedenheit bei Smartphone-Nutzern. Natürlich gibt es auch Kunden, für die das Thema Update überhaupt keine Rolle spielt, da sie Android nur aus einem Grund nutzen: weil es eben auf dem neuen Handy installiert war. Tablets haben in Deutschland aber noch nicht den Status eines Mobiltelefons, das fast jeder hat. Kunden, die den Kauf eines Tablets planen, schauen sich deshalb vorher ganz genau an, was sie da kaufen. Die Aussicht teils bis zu 700 Euro für ein Gerät auszugeben, das eventuell nur noch ein Update erlebt, wirkt abschreckend.
Nicht Preis-Leistung, sondern Preis-Nutzen
Auf der IFA 2011 hatte ich das neue Samsung Galaxy Tab 7.7 in der Hand. Bislang habe ich noch kein Tablet gesehen, das man qualitativ auch nur annähernd damit hätte vergleichen können. Ein Traum für Technikbegeisterte. Ein Must-Have. Selbiges gilt auch für das Samsung Galaxy Tab 10.1 und einige andere Android-Tablets auf dem Markt. Warum aber verkaufen sich Android-Tablets dann nicht wie geschnitten Brot?
Beispiel A: Der Otto-Normal-Verbraucher
Android-Tablet: “Hi. Ich bin ein Android-Tablet.”
ONV: “Tablet? Brauch ich nicht.”
Beispiel B: Der Android-Fan
Android-Tablet: “Hi. Ich bin ein Android-Tablet.”
Android-Fan: “Yeah. Genau das, was ich gesucht habe! Endlich ein gutes Tablet! Was kostest du denn?”
Android-Tablet: “Je nach Ausstattung zwischen 500 Euro und 700 Euro.”
Android-Fan: “Oh. Gibt es dich nicht auch als kostenlose Lite-Version mit Werbung?”
Sarkastisch, aber leider die Wahrheit. Selbst absolute Android-Fanatiker, die öffentlich regelmäßig Android in den Himmel loben und Apple verteufeln, sehe ich bei Events regelmäßig mit einem iPad. Ich kann es an einer Hand abzählen, wie oft ich auf Messen und Konferenzen Leute mit einem Android-Tablet gesehen habe. Es ist einfach die Mischung aus allem, die Android-Tablets derzeit nicht zum großen Renner werden lässt: hohe Preise, eine Software die noch weit entfernt von “High Usability” ist und Kunden, die nicht bereit sind, für all das Geld auszugeben. Das Preis-Leistungs-Verhältnis (was die Hardware angeht) stimmt zu 100 Prozent. Aber nur wer sich auch einen wirklichen Nutzen verspricht, wird auch tatsächlich zuschlagen.
Google Android entwickelt sich stetig weiter und in ein oder zwei Jahren, wird sich er Erfolg auch einstellen, da Preise sinken und das System an sich anwenderfreundlicher wird. Bis dahin bleiben Android-Tablets, zumindest aus meiner Sicht, ein Nischenprodukt für einen kleinen Kreis von technikaffinen Anwendern.