Nokia Lumia 800: warum tadellose Hardware und ein flüssiges OS nur der erste Schritt sind [Bericht & Kommentar]

Dezember 27th, 2011 | Posted by Michael in Smartphones | Testberichte
  

Ich weiß, ich bin etwas spät dran, aber ich möchte zum Nokia Lumia 800 mit Windows Phone 7.5 doch ein paar abschließende Worte verlieren. Die Telekom ermöglichte es mir, für ein paar Wochen ein Testgerät zu nutzen und ich wollte sehen, wie es meinen Alltag so meistert. Es würde meine erste Begegnung mit Microsofts, von Grund auf neu gestaltetem, mobilem Betriebssystem mit dem Codenamen Mango.

Nokia Lumia 800

Äußerlichkeiten

Ich war schon beim Auspacken extrem begeistert von der leicht modifizierten N9-Hardware der Finnen. Der qualitativ hochwertige Kunststoff aus einem Stück, in das sich die leicht gewölbte Glasfront einbettet, will man tatsächlich nicht so schnell aus der Hand legen.

An den Äußerlichkeiten störten ich zwei Dinge. Die unsägliche Klappe, hinter der sich der microUSB-Port verbirgt, stellt für mich eine unverständliche Designentscheidung dar, die überhaupt nicht zum Gesamtbild des Smartphones passen will. Sicherlich sieht die Oberkante in geschlossenem Zustand gut aus, aber da man so gut wie jeden Tag mit dem Ladekabel ran muss, wirkt so eine dünne, schmale Abdeckung einfach zu lawede. Bewegliche Teile haben nach meiner Erfahrung, die Tendenz nach sehr häufiger Beanspruchung abzubrechen oder nicht mehr richtig zu schließen. Oder sie brechen ab, weil sie nicht mehr richtig schließen. Ob das neben einem ästhetischen zu einem realen Problem wird, müsste man nach einem Jahr mal sehen.

Lumia 800 - USB Port

Mein zweiter Kritikpunkt stellt die rückseitige Hauptkamera dar, die für meinen Geschmack zu niedrig im Gehäuse sitzt. Während ich mir beim iPhone wünschen würde, die Kamera wäre mittig – ein Wunsch, den das Lumia 800 tatsächlich erfüllt – damit man nicht ständig mit den Fingern vor der Linse ist, sitzt sie hier zu tief und man kann hochkante Schnappschüsse nur schwer einhändig auslösen. Aber da gewöhnt man sich vermutlich dran.

Das Betriebssystem

Es läuft extrem flüssig, ruckelfrei, reagiert ohne Verzögerung – genau das was man von einem modernen touch-basierten Betriebssystem heute erwarten muss. Jeder kleine Hänger würde durch das sehr direkte, fast intime, Bedienkonzept sofort bemerkt und führt beim Nutzer zu einem Disconnect – einer Kluft – die das Gefühl auslöst, man müsse sich auf das Gerät einstellen, es so bedienen wie es bedient werden will („wie gedacht“) anstatt, dass es tut, was man will. Nun wehre ich mich aber dagegen diesen Umstand so extrem hervorzuheben, denn alle Geräte bei denen das nicht der Fall ist, haben einfach keine Daseinsberechtigung mehr. Nicht nach vier Jahren seit dem Paradigmenwechsel.

Betriebssysteme, denen man ein Dual-Core-Architektur und mehr RAM hinterherwirft und die trotzdem, bei grundlegenden Funktionen wie in der Fotogalerie beim Swipen ruckeln oder beim Wechsel zwischen Homescreens oder beim Scrollen im Browser, sind auf dem Weg nach draußen. Ich kann zu anderen Geräten mit Windows Phone 7 nichts sagen, aber beim Lumia 800 ist die Software zumindest sehr gut auf die Hardware abgestimmt und andersherum. Um es einmal klarzustellen, ich rede hier nicht von Ladezeiten für die letzte heiße Rennsimulation, sondern von den Basisfunktionen.

Die Benutzeroberfläche

Die Metro-UI, das Benutzerinterface mit den großen, teilweise animierten Kacheln auf dem Homescreen und der einfachen, alphabetisch sortierten App-Liste rechts davon, ist sehr übersichtlich und sehr einfach modifizierbar. Sehr schön ist die Möglichkeit, dass Apps „ihre Kachel“ quasi als Live-Widget (um einen Vergleich mit der Android-Welt zu ziehen) benutzen können, so können in der Haupt-Foursquare-Kachel die letzten Check-Ins der Freunde stehen, in der Wetter-Kachel das Wetter und bei Whats App die letzte Nachricht. So ist es tatsächlich manchmal unnötig, die App selbst überhaupt aufzurufen, wenn man auf einen Blick nach dem Unlock sieht, was Sache ist.

Nokia Lumia 800

Aber damit sind die Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft, je nachdem wie eine App das System nutzt, lassen sich auch einzelne Elemente aus der Funktionalität einer App auf den Homescreen pinnen. Bleiben wir beim Beispiel Foursquare: häufig besuchte Orte können direkt als Kachel auf den Homescreen und man checkt direkt durch einen Tap in die Location ein, ohne erst die App die Locations der Umgebung suchen lassen zu müssen und sie dann auszuwählen. Genauso geht es mit sämtlichen Medien auf dem Lumia 800. Ihr habt eine Lieblingsplaylist, oder ein Album, dass ihr rauf und runter hört? Ihr könnt diese einzelnen Elemente auf den Homescreen pinnen, ohne immer in die Zune- oder Nokia-Music-App gehen zu müssen. Komischerweise bietet die kostenlose Wetter-App von Microsoft diese Funktionalität nicht, was schon schade ist, da diese eigenen Apps doch immer als Aushängeschild dienen.

Lumia 800 - untere Hälfte

Die obligatorischen Sensortasten am unteren Rand zähle ich mal mit zur UI, denn sie sind vom OS vorgegeben und interagieren damit. Sie nerven. Genauso wie sie bei Android-Telefonen vor ICS nervten. Man kommt als Rechtshänder einmal zu oft auf die „Suchen“-Taste, wenn man das Lumia normal benutzt – wie bei Android-Geräten. Das sich Microsoft da ausgerechnet von den Schwachstellen von Android hat inspirieren lassen, kann ich nicht nachvollziehen. Aber soetwas kann sich ja ändern, hat es sich ja mit Android 4.0 auch.

Apps

Alle grundlegenden Social-Networking-Apps sind vorhanden, sei es Twitter, Facebook, Foursquare, Whats App, Miso oder essentielle Nachschlagewerke wie die IMDb. Wobei gerade bei der offiziellen Twitter-App negativ auffällt, dass es keine Notifications gibt. Die Integration der Accounts bei sozialen Netzwerken ist ähnlich tief, wie bei anderen Smartphones und erlaubt eine Verknüpfung mit den eigenen Kontakten, so dass die letzte Statusmeldung bei Facebook und/oder Twitter auch bei dem jeweiligen Kontakt auftaucht.

Notifications, also Mitteilungen über eingegangene Kommunikationsversuche, gibt es irgendwie nur für Mail, SMS und verpasste Anrufe, die auf dem Lockscreen angezeigt werden. Wie weit eine App im Hintergrund laufen darf und kann ist mir nciht ganz klar, aber es gibt eine Liste der Apps, die das tun in den Einstellungen. Es ist aber schon ärgerlich, dass gerade Mentions und Direktnachrichten bei Twitter nicht zum Nutzer durchdringen. Leider habe ich es versäumt eine andere Twitter-App zu probieren und sie scheinen alle nicht der Weisheit letzter Schluß zu sein, wenn auch z.B. Rowi u.a. Notifications hat.

Ich kann nicht sagen, dass ich eine App vermisst hätte, nur eben von Android oder iOS gewohnte Funktionalität und Auswahl. Spiele gibt es auch, die sitzen aber alle in der XBOX-LIVE-App und tauchen in der alphabetischen Liste nicht auf. Ob das jetzt schade oder schlimm ist weiß ich nicht, wahnsinnig gestört hat es mich nicht. Insgesamt gibt es von Allem einfach noch nicht so viel. Ein Umstand, der auch mit dem Lumia 800 vielleicht nach und nach behoben wird. Zu wünschen wäre es der Plattform. Die Integration mit XBOX LIVE ist nicht nur ein Anreiz für Besitzer einer XBOX 360, die damit ihren Avatar umhertragen können, sie bietet einen tatsächlichen Spielehub mit Errungenschaften und Freundeskommunikation, der mit Game Center auf iOS vergleichbar ist. Jeder mit iOS-Gerät hat ja seit Kurzem die Möglichkeit, eine abgespeckte Version dieser App auch auf seinem Gerät zu nutzen.

Inhalte (Musik/Videos/Photos)

Hat man schon Musik, empfiehlt sich der Windows Phone 7 Connector für den Mac oder die Zune Software für Windows PCs, um die Inhalte zu transferieren. Die Syncerei geht mit oder ohne Kabel. Was genau die jeweilige Software macht unterscheidet sich. Auf dem Mac zieht sich der Connector die Playlisten direkt aus iTunes und synchronisiert DRM-freie Stücke. Auf dem PC ist die Zune Software eine eigenständige Verwaltungssoftware, wie iTunes auch. Man legt sich also dort eine neue Mediathek an und importiert sich seine DRM-freie Musik. Das alles klingt nach Aufwand, ist aber tatsächlich keiner. Die Software funktioniert tatsächlich ganz ähnlich wie iTunes und dürfte keine Probleme bereiten.

Ich bin großer Fan von Podcasts und verbringe einen großen Teil meines Medienkonsums mit ihnen. Wird auf den Seiten von Windows Phone und Zune noch mit der Podcast-Funktionalität im Zune-Player-Marketplace-Dings geworben, fehlt der Menüpunkt in der Marketplace-App. Es gibt (hierzulande) gibt es keine Möglichkeit Podcasts auf  dem Gerät direkt dort zu abonnieren. Die  Zune-/Marketplace-App hat kein Podcastverzeichnis und bietet nichteinmal die Möglichkeit, wie Google Listen auf Android, einfach einen Feed per Copy & Paste zu abonnieren. Man muss dazu einmalig in der Zune Software einen Podcast abonnieren, diesen auf das Lumia 800 synchronisieren und kann dann dort das Abo anstoßen, was dann auch problemlos funktioniert. Das ist einfach unnötiger Mehraufwand und es ist für mich völlig unverständlich, warum diese Option im Marketplace fehlt.

Sehr schön sind die auf dem Lockscreen eingeblendeten Kontrollen für den Player, wenn man etwas hört. Unter iOS muss man ja immer den Home-Button zweimal drücken, damit diese auftauchen, das entfällt hier.

Vorinstallierte Redundanz:

Schaut euch mal das unten stehende Bild an. Die drei Kacheln auf der rechten Seite „Marketplace“, „App-Highlights“ und „TopApps“ führen alle in Listen von Apps für Windows Phone 7 und unweigerlich in den Windows Phone Marketplace für Apps. Beim ersten landet man direkt im Marketplace von Microsoft, der auch eine Sparte mit Tipps der Redaktion hat. Nichts anderes stellen die beiden anderen Apps dar, nur dass bei App-Highlights eine Nokia-Redaktion dahinter sitzt und bei TopApps eine von der Telekom. Die Kacheln kann man vom Homescreen bannen, denn eine geringe Grundauswahl erlaubt auch nur eine begrenzte Anzahl an Empfehlungen.

Lumia 800 - Homescreen

Ich empfand es durchaus als störend immer mindestenz eine Möglichkeit zu viel zu haben um etwas zu tun. Ja, Auswahl hat seine Vorteile, aber warum Microsoft seine Angebote nach Inhalten nach Außen hin aufsplittet, nur um am Ende irgendwie dennoch im selben System zu landen, verwirrt unnötig. Da kann mann in der Musik + Videos App, die immer noch das Zune-Symbol trägt, auch Musik und Videos kaufen, landet aber dazu im Marketplace. Entweder trennt man das wie bei iOS tatsächlich deutlicher in Apps und Inhalte oder man lässt es und trennt Player und Shop deutlicher.

Noch problematischer ist beim Nokia Lumia 800, dass Nokia selbst in der Nokia-Musik-App einen MP3-Store hat, der auch wiederrum ein Player ist. Zwei „Orte“ an denen man das Selbe machen kann, führen irgendwie dazu, dass man keinen der beiden nutzt und doch bei Amazon MP3s ersteht. Obendrauf kommt, dass die viel beworbenen „Mix Radio“ wegen Rechte-FU hierzulande nicht funktionieren. Diese Musikmixe sind automatisch zusammengestellte Playlisten, ähnlich der personalisierten Radiostationen von Last.fm, die man von Nokia ohne Zusatzkosten streamen oder sogar auf dem Gerät zwischenspeichern könnte. Man kann sie nur nicht vervielfältigen und auf dem Rechner speichern.

Kontakte/Kalender/Mail

Das größte No-Go für mich als Google-Suchti. Wäre ich bereit mein Kalendarium zu Hotmail/Windows Live zu transferieren, hätte ich auch meine geliebten multiplen Kalender in einem Account, müsste aber wiederum auf Kollaboration verzichten. Im Grunde verläuft die Account-Synchro ganz unproblematisch, wie auf jedem modernen Smartphone. Aber schon unter iOS ist es eine kleine Odyssee, wenn man mehr als den Hauptkalender „Privat“ in einem Google-Account nutzt und nicht auf iCal in der iCloud umsteigen will.

Vor das selbe Exchange-Server-oder-CalDAV-Problem, vor das man in iOS mit seinem Google Kalender rennt, rennt man auch mit seinem Windows Phone. Nur leider funktioniert der von mir beschriebende Workaround über Google Mobile im Browser des Smartphones hier nicht – WP7-Geräte werden nicht erkannt oder unterstüzt. Mail und Kontakte waren hingegen völlig unproblematisch und tröpfelten schnell nach der Eingabe des Accounts auf das Lumia 800.

Aussehen tut der Kalender indes ziemlich schick, gefiel mir besser als iCal auf iOS und zeigt außerdem den nächsten Eintrag auf dem Lockscreen unter Zeit und Datum an.

Wolkendienste

Geschossene Fotos landen in der Camera Roll und ähnlich wie in iOS‘ Photostream auch auf der SkyDrive, die zu jedem Hotmail-/Windows-Live-Account gehört. Vorteil: 25 GB freier, kostenloser Speicherplatz. Mehr als Dropbox und wesentlich mehr als iCloud. 5 GB des SkyDrive-Speichers stehen für eine Synchronisierung zwischen Geräten a la Dropbox zur Verfügung. Das Ganze nennt sich „Synchronisierter SkyDrive-Speicher“ und ist Teil des Windows Live Meshes. Camera Roll und Office-Dokumente sind dabei aussen vor, da diese in speziellen Ordnern mit den lokalen Installationen der Office Suite synchronisiert werden um sie auch mit den Web-Apps, z.B. von One Note, im Browser bearbeiten zu können.

Genauso kann man über WindowsPhone.com sein eingetragenes Smartphone jederzeit orten und fernlöschen und heruntergeladene/gekaufte Apps auf einen Blick sehen.

Fazit

Das Nokia Lumia 800 ist ein Smartphone, das Dinge geregelt bekommt. Dabei unterscheidet es sich auch nur oberflächlich von den Mitbewerbern, denn die UI ist tatsächlich nur eine Frage der Anordnung der einzelen Elemente. Wichtiger sind die Apps und der Browser. Bei beidem ist im Lumia 800 die Grundversorgng sichergestellt, es fehlen die Luxusgüter. Die Bing-Suche ist leider katastrophal und kann Google nicht das Wasser reichen. Wer sich tatsächlich von iOS gelangweilt und Android überfordert fühlt findet hier einen sicheren Hafen. Mir persönlich ist die Kamera auch für Schnappschüßsse nicht gut genug. Das tolle Carl-Zeiss-Objektiv holt aus dunklen Umgebungen trotzdem nicht viel raus. Aufnahmen sind blaustichig und sehen sehr viel schlechter aus, als die vom iPhone 4S. Bei Tageslicht sehen die Bilder schon ordentlich aus, aber es bleiben Handybilder und ersetzen – wie auch die Kamera im iPhone 4S – keine DSLR.

Foto, mit dem iPhone 4S bei Nacht gesmacht - ohne BlitzFoto, mit dem Lumia 800 gemacht - ohne Blitz

Vom Bildrauschen abgesehn, ist das Foto vom iPhone 4S einfach das Bessere. Beide Aufnahmen entstanden ohne Blitz und mit den Standard-Kamera-Apps auf Automatik. Müsste ich mich gerade wieder neu für ein Smartphone entscheiden, dass ich die nächsten zwei Jahre mit mir rumtrage – ein Nokia Lumia 800 wäre es, trotz all der netten Seiten, nicht.

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